Sage

Die Sage vom ,,Stillen Stein´´ bei Grein.

Eine der schönsten Partien aus der Umgebung von Grein ist eine Fußwanderung von der Gießenbachmühle im Tale aufwärts zum wildromantischen Giessenbachfall und zum ,,stillen Stein´´ (Steinklamm). An diesen knüpft sich folgende Sage:

Vor hinderten von Jahren stand an Stelle der Giessenbachmühle ein ärmliches Gehöft. Der Müller war gestorben und die Müllerin hauste allein mit ihrem Töchterchen und einem Knechte in der Mühle. Da ward die Müllerin krank und mit der Krankheit zog Elend und Not in das Gehöft ein. Die Krankheit zog sich hin und kein Arzt gab ihr die verlorne Gesundheit wieder.

Da kehrte einst ein alter Mann bei den so schwer Geprüften ein und redete von den heilkräftigen Kräutern, die da wachsen und blühen sollten am Wasserfall, weil drinnen in der Schlucht des Giessenbaches.

,,Bei Mondenschein musst du sie brocken,

Bei Mondenschein musst du sie fah´n,

Wo´s Wasser brodelt und braust,

Wohl über den höchsten Stoan.´´

In der nächsten Vollmondnacht macht sich das Mädchen auf und heimlich schleicht es sich durch die wilde Schlucht. Wild schäumen auf die Wasser des Giessenbaches, tollend über merkwürdig geformte Felsentrümmer, die dem Bächlein den Weg verstellen. Immer feuchter wurde das schmale Steiglein und plötzlich stand das Mädchen vor einer Felsenwand. Da oben musste es blühen, das heilkräftige Kraut! Da oben ,,brodelte und brauste´´ das Wasser über den ,,höchsten Stoan´´. Das Mädchen krallte die schwachen Händchen ins Gestein, hielt sich am schwanken Gestrüpp und begann zu klettern. Das Brausen des Wasserfalles betäubte es fast – aber es galt ja fürs Mütterlein! Und es kletterte weiter. Da zog wohl ein Dornzweig es am Röcklein ? Das Mädchen wandte sich um  —  da stand ein Männlein, eisgrau und mit einem Schlüsselbund im Gürtel vor ihm. Voll Grauen starrt das Mädchen die Gestalt an.

,,Mein Kind, was suchest du ?´´ redete milde der Kleine es an. Da erzählte das Mädchen treuherzig vom kranken Mütterlein und von der Wunderpflanze, die da oben blühen sollte neben dem rauschenden Fall. Da nickte der Alte freundlich.

,,Sollst sie haben. Komm´mit, komm´mit !´´

Und er zog es durch eine Spalte der Felsenwand; die weitete sich wie die Hallen einer Kirche. Glänzend Gestein gleißte von den Wänden, fremdartige Blütendolden hingen von wachsartigen Gesträuchen, bunte Vögel umflatterten einen Thron, darauf ein schönes Weib saß und gar hold zu lächeln wusste. Vor dieses führte das Männchen die Kleine. Und die holde Frau nahm das Mädchen bei seinen zerschundenen Händen und mit gar lieber Stimme sprach sie;,,Bleib da, mein Kind, bleib da !´´ Da brach das Mädchen in Tränen aus.

,,Mein Mütterlein verlassen – nimmermehr ! O, lasst mich zurück, auf dass ich die Kräuter suche für ihr Heil !´´

Da winkte die Frau auf dem Throne und der Alte führte das Mädchen wieder hinaus aus der glänzenden Halle.

Draußen lag helles Mondenlicht; wieder spritzten die Schaumperlen des Wasserfalles ihm auf Haar und Gesicht. Nun brach das Männlein ein seltsames Kraut vom Felsen und legt es ihm in das Körbchen. Die Wasser stäubten von den Felsen, lauter und immer lauter klang ihr Sausen – da auf einmal dröhnten ein Donnerschlag durch die Schlucht, so furchtbar, dass die Wände erzitterten und die alten Fichten wankten ! – Das Mädchen stürzte besinnungslos zu Boden.

Als es wieder erwacht, war das Rauschen der Wasser verschwunden. Wohl schäumte der Bach und huschten seine klaren Wellen über die moosigen Felsenklötze – aber, da wo vorhin am wildesten die Flut gebraust, da lag ein Stein, so groß, dass er den Fluss und die Schlucht verschloss und darüber wölbte sich ein anderer, riesenhaft wie das Dach einer Halle. Das Mädchen lauschte, aber kein Laut, kein Rieseln des darunter strömenden Wassers klang an sein Ohr. Grabesschweigen lag über den Felsmassen, tiefste Stille, als wäre hier ein Stück Natur gestorben.

Halb betäubt noch und von Grauen geschüttelt, floh das Mädchen die Schlucht hinab. Als es sich der Mühle näherte, da eilte ihm seine Mutter entgegen und voller Sorge sprach die Frau: ,,Mein Kind, wo bist du nur gewesen, drei Tage suchen wir dich schon !´´ Nun erzählte das Mädchen, was ihm begegnet und zum Beweise hüllt es das Körbchen auf. Mit einem Aufschrei aber lässt es dieses zu Boden fallen – – verwandelt waren die grünen Blätter zu reinem Golde und die Wassertröpfchen glänzten als helle Edelsteine ! Wie dankten die Ärmsten nun jenen guten Geistern in der Schlucht ! Nochmals pilgerten sie hin, aber sie fanden nichts als den Bach, die Felsenhalle und ihr tiefes Schweigen.

Viele wandern seither im Mondenscheine und zu allen Tagesstunden durch die Giessenbachschlucht; aber der Zauberfels bleibt verschlossen und nur das plötzliche Verstummen der Wasser zeugt von jener Stunde, da die reinste Liebe den Zauber gelöst vom ,,stillen Stein´´.

(Nach Albine Schroth-Ukmar, Donausagen von Passau bis Wien; Hofmann Emil, Donaubaladen.) 1929

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